Ein verheerender Brand zerstörte vor fast 214 Jahren einen Grossteil von Gutenswil. So schwer das Unglück vom Sonntag, 4. September 1803 für die Dorfbewohner auch war, so gross war die damalige Nachbarschaftshilfe, die Spendefreudigkei tder ganzen Umgebung und der grosse Wille zum Neuaufbau. Bereits sechs Wochen nach dem Unglück stand das erste Haus wieder.

 

Das Neujahrsblatt 1804 der Zürcherischen Hülfsgesellschaft berichtet sehr ausführlich über den Brand von Gutenswil. Demnach zeuselte ein dreieinhalbjähriger Knabe beim Schopf von Johannes Temperli mitten im Dorfkern. Aus diesem Zeuseln entstand ein Brand.

Mangel an Wasser und Feuerspritzen

 

Der Brand überraschte die Gutenswiler nach dem Besuch der Kirche im benachbarten Volketswil um 11.30 Uhr beim Mittagessen. «Da entdeckte ein Familienvater, den angeblich eine gewisse Bangigkeit zum Haus heraustrieb, im Schopf des Nachbarn ein Feuer, das schon etwa drey Fuss vom Boden empor wallte», heisst es auf Seite 5 des Neujahrsblattes.

 

Und weiter: «Eilends nimmt er eine Gelte mit Wasser und giesst es in die lodernde Flamme; aber umsonst.– Vom Druck der Luft in die Höhe getrieben fährt sie in das Strohdach und augenblicklich zu demselben hinaus. Erst jetzt wurde der aufgeschreckte Eigentümer des Hauses und die anderen Nachbarn der Gefahr inne, sahen aber sogleich, dass von einer Rettung der nächsten Häuser keine Rede seyn könne. Es mangelte an einer Feuerspritze, an zureichender Hülfe und zum Theil an Wasser. Man legte sich also aufs Flöchnern (dem Retten von Hab und Gut); aber auch damit war wenig auszurichten. Die mit Heu und Garben, dem eben vollends eingesammelten ganzen Jahressegen, angefüllten, von der Sonnenhitze ausgedörrten, hölzernen, grösstentheils alten Gebäude fingen die Flammen allzu leicht, und sprühten sie mit wildem Ungestüm weiter. Ehe nur eine Feuerspritzeda war, standen schon drey Häuser in Flammen.»

Nachbardörfer eilten zu Hilfe

Durch den starken Ostwind griff das Feuer weiter um sich. Panik brach aus. Die Betroffenen versuchten unter Lebensgefahr, ihre Sachen aus den Häusern zu retten.

 

Nach und nach eilte aus den Nachbardörfern Hilfe herbei, unter ihnen auch die in Fehraltorf einquartierten französischen Husaren, die Gaffer und und Plünderer vertrieben. Bald waren 40 Feuerspritzen aus den umliegenden Dörfern vor Ort. Der kleine Feuerweiher im Unterdorf war in kurzer Zeit leer geschöpft, es fehlte an Löschwasser. Dieses musste nun mit Pferd und Wagen über einen Hügel von einem Weiher herbeigeschleppt werden. Die Strasse war aufgrund der Hitze unpassierbar.

14 Häuser brannten vollständig ab, 205 Personen waren obdachlos

Erst abends um sieben Uhr war das Feuer gelöscht. 14 Häuser, meist grössere Flarzbauten mit bis zu fünf Wohnungen, brannten vollständig ab.

39 Haushaltungen mit 205 Personen waren obdachlos; sie fanden in Nachbardörfern Unterschlupf. Zum Glück wurde durch das Feuer niemand getötet. Der materielle Schaden war aber enorm – lediglich fünf Häuser im Unterdorf blieben stehen. 

Hilfsaktion des Volketswiler Pfarrers

Der damalige Pfarrer von Volketswil, der 31jährige HansKaspar Weiss, half den Gutenswilern nach der Brandkatastrophe. Er organisierte Spendenaufrufe im ganzen Kanton, erstellte Listen über die Spenden und machte Verteilschlüssel.

Bereits am Abend des Brandtages und am folgenden Tag wurden die Geschädigten durch die Kirchgemeinde Volketswil verpflegt. Alle Obdachlosen fandenzudem ein Dach über dem Kopf. Innert zehn Tagen hatten schon 33 Gemeinden ihre freiwilligen Brandsteuern abgeliefert. Auch der Staat half und erliess den Gutenswilern etwa den Zehnten (Steuern).

Viele Spenden und Geld durch Brandsteuer

Am 12. November 1803 genehmigte der Kleine Rat in Zürich den Aufruf für eine allgemeine Brandsteuer (kantonale Liebessteuer) für die in diesem Jahr von Grossbränden betroffenen Gemeinden Irgenhausen, Wiedikon und Gutenswil. Insgesamt waren bis zum 10. Januar fast 30 000 Gulden zusammengekommen. Dieses Geld deckte rund ein Drittel des Schadens, der etwa 90 000 Gulden betrug.

 

Es wurde nicht nur Geld gesammelt, sondern auch Naturalien aller Art gelangten nach Gutenswil. Ganz spontane Hilfe zur Selbsthilfe, so wird berichtet, leistete ein Tischler aus Zürich. Mit Ross und Wagen brachte er seinem Berufskollegen die ganze Einrichtung, sodass dieser sein Handwerk wieder aufnehmen konnte.

Wiederaufbau der Häuser 

Beim Wiederaufbau der Häuser nach dem Brand wurde darauf geachtet, dass grosse Fensterreihen die Wohnzimmer mit viel Tageslicht versorgen konnten, damit die Heimarbeiter die feinen Seidenfäden beim Spinnen und Weben besser sehen konnten. Aus den Schriften über den Brand ist bekannt, dass in Gutenswil neben den Webern folgende weitere Berufe vertreten waren: Tischler, Hutmacher, Schuster, Holzhändler, Viehhändler, Bäcker, Fuhrleute und Schankwirt.

 

Nach dem Brand entstanden die neuen stattlichen Bauernhäuser mit einem Wohnteil und einer Scheune mit Futtertenne mit Stall und Platz für fünf bis zehn Kühe, ein Pferd und ein paar Schweine sowie genügend Raum, um Getreide und Heu zu lagern. So wurden aus Kleinbauern und Heimarbeitern im Laufe des 19. Jahrhunderts stattliche Landwirte.

 

(Quelle: «Heimatspiegel vom 23.03.2013 Züricher Oberländer/Anzeiger von Uster, Autor Ruedi Schulthess. Siehe auch PDF unten)

Kupferstich des vierten Neujahrsblatttes 1804 der Zürcherischen Hülfsgesellschaft. (Quelle: Chronikstube des Vereins Ortsgeschichte Volketwil, VOV)

Grundriss von Gutenswil 1803. Die schwarz eingezeichneten Häuser brannten ab, die rot eingefärbten Gebäude blieben stehen. (Quelle: Chronikstube des Vereins Ortsgeschichte Volketwil, VOV)

Der Kupferstich vom Neujahrsblatt 1804 der Züricherischen Hülfsgesellschaft diente als Vorlage für diese Bild (Quelle: Chronikstube des Vereins Ortsgeschichte Volketwil, VOV)

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